Raoul Schrott am CvL: Über Zeitgeist, Literatur und die Frage, wie wir denken

Was ist eigentlich Zeitgeist? Und wie viel davon steckt in unserem eigenen Denken?

Diesen Fragen widmete sich der Schriftsteller, Lyriker und Literaturwissenschaftler Raoul Schrott bei einer Lesung am Carl-von-Linde-Gymnasium. Rund 60 Minuten lang nahm er die Schülerinnen und Schüler sowie die anwesenden Lehrkräfte mit auf eine gedankliche Reise durch Literatur, Geschichte und Gegenwart und verband seine Ausführungen mit Passagen aus seinem aktuellen Buch Zeitgeist. Ein Plädoyer für Menschlichkeit.

Im Mittelpunkt stand dabei der Zeitgeist als ein Phänomen, das unsere Vorstellungen, unsere Sprache und unseren Blick auf die Welt prägt – häufig, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Wie entstehen gesellschaftliche Überzeugungen? Warum verbreiten sich bestimmte Ideen besonders schnell? Und wie lässt sich zwischen einer eigenen Haltung und dem unterscheiden, was eine Zeit gerade für selbstverständlich hält?

Schrotts neues Buch nähert sich diesen Fragen auf ungewöhnliche Weise: Es verbindet einen Essay über den Zeitgeist mit dem Gedichtzyklus Über uns, jetzt und stellt damit analytische und poetische Zugänge zur Gegenwart einander gegenüber.

Besonders lebendig wurde es in der anschließenden Diskussion. Aus der allgemeinen Frage nach dem Zeitgeist entwickelte sich schnell ein konkretes Thema: Gendern – sinnvolle sprachliche Entwicklung oder selbst ein Phänomen des Zeitgeistes? Schrott argumentierte dabei vor allem linguistisch und damit gegen das Gendern: Wie verändert sich Sprache? Nach welchen Regeln entstehen sprachliche Neuerungen?

Die Schülerinnen und Schüler brachten hierzu einen dezidierten Gegenstandpunkt ein: Für sie kann Gendern gerade ein sinnvolles Element des Zeitgeistes sein, weil Sprache gesellschaftliche Veränderungen aufgreift und neue Formen von Sichtbarkeit und Teilhabe ermöglicht. So entwickelte sich eine lebhafte Diskussion, in der unterschiedliche Perspektiven auf Sprache, Gesellschaft und Wandel aufeinandertrafen.

So wurde aus der Lesung ein Gespräch über Literatur, Sprache und Gegenwart – und letztlich über die Frage, wie eigenständig unser Denken tatsächlich ist.

Ein herzlicher Dank an Raoul Schrott für einen anregenden Einblick in sein neues Buch und für die lebhafte Diskussion mit unserer Schulgemeinschaft.